Wer ist Martin Stadler?
admin | Posted 03/12/2007 | Belletristik | Keine Kommentare »
Martin Stadler ist ein Geheimtipp. Der stille Schriftsteller lebt und schreibt in der Zentralschweiz. Nebst den Zentralschweizer Kulturpreis erhielt er auch den Deutschen Hebel-Preis. Nun wurde "Bewerbung eines Igels" neu aufgelegt. Urs Heinz Aerni von SEITE 4 stellte ihm ein paar Fragen vorallem zu seinem Epos "Hungertuch".
Urs Heinz Aerni Aerni: In Ihrem umfassendsten Buch “Hungertuch” verknüpfen Sie Hinteralpgeplauder mit Schöpfungsmythen, gekoppelt mit allen Themen, die uns Menschen beschäftigen. Von der Liebe über Freundschaften bis zur Suche nach Sinn und Glück. Was stand am Anfang dieses Buchprojektes?
Martin Stadler: Zum einen meine Kindheit und frühe Jugend. Ich wuchs in einem sehr gläubigen Umfeld auf, sowohl für meine Eltern als auch im Städtchen, Altdorf, war der Gottesglaube nicht etwas Beliebiges, auch nicht bloß eine wichtige Existenzfrage unter anderen wichtigen Existenzfragen, sondern die zentrale Existenzfrage. Das Tor zur Sinndeutung des Lebens und des Seins schlechthin. Das hat mich geprägt. Aber ebenso, dass ich zu beichten hatte: Ich habe gezweifelt.
Das damalige katholische Leben war auch eine “Inszenierung” von großer Schönheit, aber daran zweifeln war sündhaft. Es gab im damaligen katholischen Milieu nicht allein einen gefälligen Formenreichtum und ein volksnahes Brauchtum, es gab auch viele überlieferte und festgefahrene Gewohnheiten, sozialen Druck und eine gewisse Rechtgläubigkeits- und Rechtschaffenheitsbehauptung … Man zweifelte nicht nur. Auch an sich selbst, an der eigenen Rechtschaffenheit gemäß katholischer Leseart.
Man ernüchterte … Zum andern habe ich später in Kursen über Politische Ökonomie und Sozialgeschichte zu erklären gehabt, was die Moderne sei, in ihrer bürgerlichen und in ihrer marxistischen Ausprägung. Man hat sich dabei auch Gedanken gemacht über die Sinndeutung des Lebens und des Seins in dieser Moderne. Und allmählich fing ich an, mich zu fragen, ob man erzählen könnte, wie die Moderne aus der Tradition entstanden ist und was die Tradition für Manki hatte und die Moderne für Manki hat.
Und da ich in einer alpinen Region wohne, habe ich mir überlegt, ob dieses europäische Thema nicht mit Beispielen aus dieser Region “illustriert” werden könnte.
Aerni: Nun, Ihre Schreibart im “Hungertuch” kann nicht zu der durchschnittlichen Prosatechnik gezählt werden, womit der Kreis der Leserinnen und Leser verkleinert wird. Wie fanden Sie zu dieser Form?
Martin Stadler: Der Roman sollte von unterschiedlichen Möglichkeiten der Wirklichkeitswahrnehmung, des Glaubens, Erlebens, Denkens, Gestaltens – kurzum: der Lebenseinstellung und Lebensgestaltung – handeln. Von der Geschichte, die eine Auslegeordnung menschlicher Möglichkeiten ist.
Mir schien, diese Ordnungsmöglichkeiten seien auch in der Lokalgeschichte (z.B. einer Talgeschichte) angelegt, in Ansätzen teils auch ausgelegt. Ich fragte mich, je länger ich diese Romanidee wälzte, ob diese Ordnungsmöglichkeiten nicht sogar in einer Einzelperson zum Ausdruck kämen. Schliesslich kam ich auf eine Erzähl-Figur, Doktor Ruos, die gleich zu Beginn des Romans beerdigt wird.Ruos wurde, während ich schrieb, ein alter schwermütiger Arzt, ein Grübler, zeitweiliger Publizist, der recherchiert und wandernd Geschichten wälzt und Figuren erfindet.
Zuletzt ist er noch als Kuratoriumspräsident des Talmuseums sowie als Inspektor für Lebenskunde und andere Freifächer am Kollegium Sankt Michaelis tätig gewesen. Er hinterlässt ganze Schachteln mit Papieren (Gedanken, Erinnerungen, Recherchen, Entwürfen, Erzählungen usw.) – eigentlich ein monumentales “Selbstgespräch”. Angeregt von den Überresten eines Hungertuches, das ursprünglich eine Welterklärung abbildete und jetzt im Talmuseum hängt, hat er in seinem letzten Lebensjahr versucht, Welterklärungen zu ordnen – und rückblickend auch sein eigenes Leben, was ihm beides schlecht gelingt und zeitlebens schlecht gelungen war. Sein Nachlass wird dann von seiner Nichte nicht vernichtet, wie er gewünscht hätte, sondern zusammengestellt.
Sie bringt ihn schliesslich doch in eine – der Thematik entsprechend – nur wenig übersichtliche Ordnung.
Aerni: Was bedeuten Ihnen die Kulturpreise?
Martin Stadler: Sie bedeuten eine Anerkennung. Das freut mich. Aber besser, als meine Bücher sind, werden sie durch diese Preise nicht. Kunst genügt letztlich nie, das liegt in ihrer Natur. Schreiben ist ein Prozess, der die Lebensanschauung entwickelt, und ich habe versucht, das Leben auch im hiesigen Landstrich anzuschauen.
Der Stiftungsrat anerkennt wohl diesen Versuch, der seit vielen Jahren (soweit mich keine ökonomischen Notwendigkeiten daran hindern) mit einiger Beharrlichkeit und auch Querköpfigkeit erfolgt – hier, in der eigenen Region, die zum einen eine schweizerische Randregion und zum andern eine Kleinregion im Zentrum Europas ist.
Aerni: Martin Stadler, danke für das Gespräch
Die Bücher wie "Hungertuch" von Martin Stadler sind u. a. im
Uranos Verlag erschienen.
Der wiederaufgelegte Roman:
1982 erschien Martin Stadlers erster Roman «Bewerbung eines Igels», eine Befragung des Gottesglaubens und eine radikale Auseinandersetzung mit Religion und konservativem Regionalismus. Der Faszination durch die Schönheit und geistige Weite der Liturgie steht die Engherzigkeit im katholischen Heimatmilieu gegenüber.
Martin Stadler studierte Maschinenbau an der HTL in Luzern und Ökonomie, Recht und Publizistik in Bern. Er arbeitete als Archivar und Journalist. Von 1977 an lebt er als Schriftsteller und Kleinverleger in Schattdorf, daneben ist er Lehrbeauftragter im Berufsbildungsbereich. Autor mehrerer Romane und Erzählungen. Ausgezeichnet mit dem Innerschweizer Literaturpreis 2005, Johann Peter Hebelpreis 2006
pd




