Friederike Mayröcker wird 85

Petra Bohm | Posted 16/12/2009 | Autoren | Keine Kommentare »

Liebesspiel mit der Sprache…

Ein Meer aus Worten, ein Leben inmitten der Sprache – nicht umsonst gilt Friederike Mayröcker als die Grande Dame der experimentellen Literatur Österreichs. Die groß gewachsene, fast hagere Frau mit dem tiefschwarzen Haar gehört seit Jahrzehnten fest zur Literaturszene ihrer Heimatstadt Wien. Bereits vielfach wurde sie für ihr Werk mit renommierten Preisen ausgezeichnet, sogar als mögliche Kandidatin für den Literaturnobelpreis war sie im Gespräch. Am kommenden Sonntag (20. Dezember) wird die Schriftstellerin 85 Jahre alt.

Mayröcker lebt tatsächlich mitten in der Sprache: In ihrem Arbeitszimmer stapeln sich Notizzettel, Aufzeichnungen und Skizzen. Mit ihrem von großer Sprachfantasie geprägten Werk nimmt Mayröcker eine einzigartige Position in der österreichischen Gegenwartsliteratur ein. Ihr Stil ist keiner bestimmten literarischen Landschaft zuzuordnen. In ungeduldigem Rhythmus entwickelt Mayröcker dichte, rätselhafte Metaphern, mitunter schlägt sie litaneihafte Formeln an. Das eigene Leben soll dabei hinter das Werk zurücktreten, das Schreiben nannte sie einmal ein «ewiges Liebesspiel mit der Sprache».

Bis heute veröffentlichte die am 20. Dezember 1924 geborene Autorin über 80 Bände – Lyrik und Prosadichtung ebenso wie Romane und poetologische Prosa. Immer wieder fand und suchte Mayröcker neue Formen, und öffnete sich auch dem Hörspiel oder dem Film. Ihr Werk entstand als fortlaufende dichterische Sammlung von Gedanken. Kritiker nennen das eine «Folge bewegter Bilder» oder eine «lange abenteuerliche Reise durch das Bewusstsein». Ihre Vorliebe für Überblendungstechniken und assoziative Sprünge ließ den großen Einfluss von Surrealismus und Dada durchschimmern, der am Anfang ihrer schriftstellerischen Tätigkeit stand.

Mit 15 Jahren begann Mayröcker zu schreiben. Ersten emotionalen Prosatexten folgten Lyrik-Arbeiten, die 1946 in der Wiener Avantgarde-Zeitschrift «Plan» veröffentlicht wurden. Ein Germanistikstudium musste sie abbrechen, da die Familie auf ihr Einkommen angewiesen war. 23 Jahre lang übte sie ihren ungeliebten Brotberuf als Englischlehrerin aus, bevor sie ihr Leben ganz dem Schreiben widmen konnte.

In den 1950er Jahren fand sie Anschluss an die Wiener Literaturszene um Ingeborg Bachmann, Milo Dor und Hans Weigel. Entscheidend wurde 1954 die Begegnung mit dem Schriftsteller Ernst Jandl (1925-2000), mit dem sie bis zu dessen Tod eine intensive Lebens- und Arbeitsbeziehung verband. Anregende Kontakte zu Mitgliedern der Wiener Gruppe um H. C. Artmann beeinflussten den Stil der ersten gemeinsamen Arbeiten und regten Mayröcker an, sich experimentellen Techniken wie Collage, Montage, Assoziations- und Traumarbeit anzueignen.

Ihr erster Lyrik-Band «metaphorisch» erschien 1965 in Deutschland. Als 1966 ihre erste umfangreiche Gedichtsammlung «Tod durch Musen» erschien, sprach die Kritik von einer «fertigen Poetin», die sprachliches Neuland betrat. Von den frühen 1970er Jahren an entstanden in rascher Folge neue sprachexperimentelle Texte. Mit Jandl galt sie als «das Paar» der dichterischen Avantgarde Wiens. Die beiden verband auch die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. So widmeten sie sich mit Begeisterung dem Medium Radio und schlugen mit dem Stück «Fünf Mann Menschen» den Weg zum Neuen Hörspiel ein.

Als Höhepunkte in Mayröckers vielfältiger dichterischer Tätigkeit gelten der Prosaband «Das Herzzerreißende der Dinge» (1985), der Gedichtband «Das besessene Alter» (1993), ihr später Roman «brütt oder die seufzenden Gärten» sowie die ständig wachsende Essay- Sammlung «Magische Blätter». Ihrem Lebens- und Arbeitspartner widmete sie nach dessen Tod 2000 den berührenden Band «Requiem für Ernst Jandl». Zuletzt erschien 2008 ihr Buch «Paloma», eine Sammlung von 99 fiktiven Briefen, die jeweils mit «lieber Freund» beginnen.

Die Dichterin wurde unter anderem mit dem Georg-Trakl-Preis (1977), dem Hölderlin-Preis (1993), dem Lasker-Schüler-Preis (1996), dem Georg-Büchner-Preis (2001) und dem Hermann-Lenz-Preis (2009) ausgezeichnet. Die Universität Bielefeld verlieh ihr 2001 die Ehrendoktorwürde.
© Irmgard Rieger/Carola Frentzen/dpa

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