Grausame Realität
Bettina Apelt | Posted 25/08/2010 | Krimis | Keine Kommentare »
Dänemark kenne ich aus dem Urlaub: kleine süße Häuschen, Funktionsklamotten und freundliche Menschen. Schweden habe ich auch schon besucht, mit mehr Enthusiasmus. Denn Schweden kannte ich schon: aus den Büchern. Im Herbst nun war es soweit, ich habe meinen ersten dänischen Thriller gelesen: Jussi Adler Olsens „Erbarmen“.
Seitdem sehe ich das Paperback immer mal wieder da, wo Bücher besonders laut werden: auf Bestsellerlisten. Er verkauft sich also gut, der Herr Adler Olsen. Freut mich für ihn, denn sein Roman war gut. Mehr noch: Er war unfassbar anders, unfassbar spannend und unfassbar grausam.
Und nun ist er also da, der zweite Band, in ein ähnliches Gewand haben ihn die Zuständigen vom DTV-Verlag gesteckt. Statt grüner Schattierung gibt es nun eine blaue. Statt „Erbarmen“ steht hier nun „Schändung“. Ohne Erbarmen auch Schändung, oft schmerzhaft nah an der Realität.
Gleich zu Beginn habe ich Carl Mørck vom Sonderderzenat Q wiedergetroffen. Seine Kauzigkeit war mir schon in „Erbarmen“ sympathisch, das teilen seine Kollegen nicht, sonst hätte er nicht dieses Dasein. Im Keller des Kommissariats bearbeitet er die Fälle, an deren Aufklärung keiner mehr glaubt. So kriegt er auch den – scheinbar schon aufgeklärten Fall – des ermordeten Geschwisterpaares. Mørck sticht in eine Gruppe ehemals reicher Kinder, heute einflussreicher Erwachsener, die irgendwie mit dem Mord zu tun haben, aber sich mittlerweile selbst nach dem Leben trachten.
Klingt ein bisschen abstrus und etwas blutrünstig? Ist es ja, aber das ist nicht negativ zu bewerten. Man braucht schon einen harten Magen, wenn Jussi Adler Olsen seine skrupellosen Protagonisten auf die wortwörtliche Jagd schickt. Bei den anfänglichen Kapiteln kam mir auf jeder dritten Seite der Gedanke, ob das nicht vielleicht etwas zu grausam wird. Auch wieder ja, aber dennoch: Die Spannung überwiegt. Ich wollte wissen, wie es weitergeht und immer noch ein bisschen mehr.
Denn das ist es, was Jussi Adler Olsens Schreibe so besonders macht: Ja, es ist grausam, aber das ist auch immer so ein bisschen erbarmungslose Wahrheit, wie sie vielleicht irgendwo da draußen stecken kann. Dass ich mich bei meinem letzten Dänemark Urlaub in dem netten kleinen Haus ein bisschen gegruselt habe, vergesse ich jetzt lieber. Für den Dänemark-Urlaub vielleicht doch lieber eine andere Lektüre wählen, für jedes andere Land ist „Schändung“ zu empfehlen.
Bald gibt es bei uns auch eine Videorezension zu diesem Buch.







